#ridefar180

Noch nie bin ich so früh im Jahr eine so lange Strecke gefahren. Früher, in meiner ersten Rennradzeit, so zwischen 2005 und 2010, war eh meist bei 150 km Schluss. Und auch an die habe ich mich mittels einger RTFs und Trainingsfahrten im Laufe des Frühjahrs herangetastet.Letztes Jahr habe ich aber wieder konsequent das Rennradeln angefangen und bin dann auch irgendwie auf „dieses Graveln“ aufmerksam geworden. Und nachdem ich im letzten Jahr dann auch Strecken jenseits der 250km relativ locker unter die Räder genommen habe und mir vor sechs Wochen ein Gravelbike zugelegt hatte, musste jetzt auch mal ein Gravelevent her. Johannas Fahrradwelt-Podcast hatte mich zudem letztes Jahr auf die orbit360-Serie aufmerksam gemacht und so kam es, dass ich mich vor ein paar Wochen für #ridefar angemeldet hatte.

Dumm nur, dass der gestrige Sonntag der einzig mögliche Termin war. Die Tour ist abgewandelt von der orbit-Tour zweier Mitstreiter aus Bonn(?), die ich mir gerne als Vorlage genommen habe, um mal Ecken zu befahren, die ich bisher nicht kannte. Ich habe sie mir dann so angepasst, dass ich quasi zuhause losfahren kann.

Was soll ich sagen: windig war es. Sehr windig. Und kalt. Da, wo ich Gegendwind hatte, kam ich teilweise auf keinen 20er Schnitt, wenn er von der Seite kam, hat es mich das eine oder andere Mal fast von der Strasse geweht. Eigentlich hatte ich auch nach 30km deswegen schon keinen Bock mehr. Der Blick auf die Streckenführung verhieß aber, dass der Gegenwind ab km 105 kein Thema mehr sein sollte, sondern dann eher Rückenwind werden wird (weil auf dem Heimweg – der Vorteil oder Nachteil von Rundkursen, je nachdem) und das dann auch die allermeisten Höhenmeter hinter mir liegen würden. Also gute 100km beißen und dann 80km nach Hause segeln.

So war es dann auch. Und „beißen“ war es nicht zu knapp: Alleine, keine Ablenkung, das Gefühl eigentlich gar nicht vorwärts zu kommen bei Windstärke 4 und 5 von vorne kann schon nerven. Aber ich will Brevets fahren und das meiste passiert währenddessen im Kopf, ebenso trainiert werden will wie Ausdauer und Muskulatur. Mit ausreichender Grundlagenausdauer kann man „jede“ Strecke fahren (wenn man sich keine Verletzungen zuzieht und ausreichend für Verpflegung sorgt), die mentale Komponente wird aber bei zunehmender Streckenlänge immer wichtiger. Das „sich durchbeißen können“, auch wenn es gerade mal keinen Spaß macht, eine wichtige Fähigkeit, um lange Strecken bewältigen zu können. Ich denke, ein guter Teil dieser Fähigkeit kommt aus gemachten Erfahrungen und ergo aus dem Zutrauen in die eigene Leistungs- und Leidensfähigkeit. Dazu gehört halt auch, im Training bei in Nässe, Kälte, Dunkelheit etc. unterwegs zu sein, wenn man im Bewerb darauf vorbereitet sein will.

Den Wind beschimpfend habe ich mich also die ersten 105km über Bornheim, an Euskirchen und Zülpich vorbei in den Hürtgenwald gearbeitet und dabei drei Cliffbar und eine Tüte Seeberger Trailmix (sehr lecker, weil salzig) vertilgt. Trotz Pasta am Vorabend und Haferbrei zum Frühstück war das Fahren bei den Temperaturen und das beständige gegen den Wind ankämpfen außerordentlich kraftraubend. Die Strecke war, da trocken, überwiegend und auch auf den Gravelabschnitten (in Summe ca. 20 bis 25% der Strecke) gut zu fahren. Nass wäre das bestimmt unlustiger gewesen.

Bei Euskirchen habe ich mir gedacht, dass ich an der nächsten Tanke mir nochmal Wasser und ein Brötchen holen werde, die muss ja schliesslich gleich kommen… Harhar. Das waren dann noch gute 50km oder so. Anyway, an der ARAL-Tanke in Dingenskirchen (keine Ahnung, wie das Kaff hieß) noch ein Nuss-Nougat-Hörnchen und ein Wasser geholt und dann weiter.

So schön überwiegend der erste Teil der Strecke war (naja, selbst da ist „schön“ relativ, die Voreifel ist eher flach und öde), so erschütternd war der zweite Teil. Vorbei am Tagebau und durch Manheim durch, welches quasi eine Geisterstadt ist (die Hälfte der Häuser schon abgerissen oder verlassen, der kärgliche Rest noch bewohnt (von wem nur???)) und durch den Hambi und über die alte A4. Postapokalyptische Anmutung at its best. So traurig. Wer auch immer heute noch meint, dass es eine gute Idee sei, Europas größtes Loch zu graben, dafür tausende Menschen ihrer Heimat zu berauben und dann den Kohle-Aushub als CO2 in die Luft zu blasen, hat echt nicht mehr alle Latten am Zaun.

Bei km155 habe ich eine kurze Pause für Cliffbar Nr. 4 gemacht und dabei versehentlich die Aufzeichnung im Garmin beendet. Laut fluchend also einen neuen Track gestartet und die beiden Tracks für die Komoot-Aufzeichnung abends manuell wieder zusammengefügt. In meinem Strava sind die beiden Einzeltracks zu sehen: strava.com/athletes/20567312

Gear-Talk: Fjällräven Abisko Friluft 45

Ja, ich gebe es zu: ich mag die Klamotten und das Ausrüstungsgedöns von Fjällräven. Ich mag den Look, die Haptik, die Wertigkeit, die Durchdachtheit und die Robustheit. Ok, ich mag nicht den Preis, den die Schweden für ihr Zeugs aufrufen. Aber selten nur habe ich jemals die UVP bezahlt. Meistens findet man die Sachen dann doch off- oder online irgendwo günstiger.

Natürtlich sieht man Fjällräven mittlerweile auch in den Fußgängerzonen, aber trotzdem funktionieren die Sachen von denen einfach auch da, wo es darauf ankommt. Eine bessere Wanderhose als die Keb habe ich noch nie gesehen oder angehabt (wie insgesamt die ganze Keb-Serie für mich mit das beste ist, was es für anspruchsvolle Wandertouren gibt), aber ewas man echt so gut wie nie in freier Wildbahn sieht, sind die Rucksäcke aus der Friluft-Reihe. Fjällräven-Rucksäcke habe ich einige, aber der meistgenutzte dürfte wohl der Abisko Friluft 45 sein.

Nachdem man die Produktbeschreibung ja auch einfach bei Fjällräven selbst nachlesen kann hier mal ein paar Eindrücke von mir. Zunächst aber die Antwort auf die ungestellte Frage, wie bzw. ich wo ich den Rucksack genutzt habe… Zum einen als eigentlich viel zu großen und deswegen nur halbvollen Rucksack auf Tagestouren in der sächsischen Schweiz, der Eifel, dem Siebengerbirge und aber auch auf wirklich anspruchsvollen Touren in den Alpen, sei es Tages- oder Mehrtagestouren, so u.a. auch letztes Jahr auf der Hüttentour durchs Verwall. Egal, ob viertel-, halbvoll oder ganz voll, insgesamt habe ich den sicher einige hundert km und tausend HM durch die Gegend bewegt.

Neben der fjällräventypischen Robustheit (verbunden mit einem eher nicht als ultraleicht zu bezeichnendem Gewicht) und seinem wirklich super Tragekomfort ist er mal wieder durchdacht wie die meisten Produkte aus dem dem selben Haus. Sei es die kleine Pfeife am Burstgurt (warum haben die eigentlich nicht alle Wanderrucksäcke?), die beiden Taschen am Bauchgurt, die Möglichkeit, den Rucksack von vorne und nicht nur von oben zu beladen aber in diesem Fall auch die gebogene Form auf der Rückseite in Kombination mit dem Meshgewebe am Rücken, die für mich der größte Vor- und gleichzeitg auch Nachteil ist: Fjällräven schreibt, das sei ideal für feucht-heiße Klimata und das ist sicher auch richtig, weil man am Rücken weniger schwitzt bzw. die Feuchtigkeit besser entweichen kann.

Tatsächlich ist das aber fast sogar noch wichtiger, wenn es kalt und nass ist. Schon mal bei Temperaturen um den Gefrierpunkt so richtig ins Schwitzen gekommen und nass geworden, weil die Feuchtigkeit, so lange man in Bewegung war und den Rücken mit einem Rucksack „versiegelt“ hat, nicht entweichen konnte? Das ist mal richtig ätzend. Im Sommer ist es nur unangenehm, aber im Winter kann das auch wirklich zum Problem werden, wenn man dann keine ausreichenden Wechselklamotten dabei hat und sich nicht aufwärmen kann. Tunlichst sollte man im Winter vermeiden, ins Schwitzen zu geraten, aber immer geht das halt nicht. Und da ist es also doppelt wertvoll, wenn sich die Feuchtigkeit nicht am Rücken staut und man es erst merkt, wenn man den Rucksack mal bei einer Pause eine zeitlang absetzt und dann entsprechend auskühlt.

Zudem: Bei Rucksäcken, die direkt Rücken anliegen, kommt es gerne mal vor, dass bei einem ausgiebigen Regen, das Wasser nicht vorne in den Rucksack eindringt, sondern am Rücken, wo es oben an den Schultern zwischen Jacke und Rucksack schön langsam runterläuft und sonst nirgendwo hinkann außer eben in den Rucksack selbst und sich dann nach einiger Zeit auch den Weg hinein sucht (und findet!). Auch hier zahlt sich die Form aus: das Wasser läuft ab und der Inhalt des Rucksacks bleibt trocken.

Aber kein Vorteil ohne Nachteil und den will ich nicht verschweigen – wobei du selber entscheiden musst, wie wichtig dir das ist: durch die gebogene Rückenform taugt er weniger für den Weg zur Uni oder so, weil man Laptop, Ordner o.ä. nicht gut reinbekommt und man den Platz, den der Rucksack bietet, nicht gut ausnutzen kann.

Zudem, und das ist das eigentlich größere „Problem“, wenn es denn eines ist, führt die Form dazu, dass der Schwerpunkt weiter vom Körper entfernt ist. Meistens wird man das kaum merken, aber die bei Touren, wie wir sie in den Alpen machen, ist auch schonmal Kletterei dabei. Nichts ganz wildes, aber wenn es senkrecht den Berg hochgeht, man auch beide Hände braucht, sich mal wo hoch ziehen oder drücken muss und dabei beweglich bleiben will, kann sich das durchaus störend bemerkbar machen, wenn das Gewicht am Rücken nicht so körpernah wie möglich anliegt. Zudem ist der Rucksack schmal und dafür recht lang, da kann es auch mal passieren, dass man mit dem Kopf oder der Kopfbedeckung (mein Wanderhut hat eine Krempe) anstößt. Kann nerven, kann doof sein – muss aber jeder selber wissen. Ich denke auch, dass er mit 12kg (oder nicht zu viel mehr) gut ausgelastet ist. Je schwerer, dessto mehr fällt der o.g. Punkt halt „ins Gewicht“ 😉 Davon, dass er dann aber am Rücken beim Gehen von links nach rechts schwingt, wie mal jemand einem Youtube-Video meinte, kann ich nichts berichten.

Für eine klassische Hüttenrour ist der 45er eigentlich zu groß, aber in Corona-Zeiten war im Sommer 2020 das Gebot, u.a. einen eigenen Schlafsack mit auf die Hütten zu nehmen. Dafür war das zusätzliche Volumen dann wieder ganz ok. Es gibt ihn auch in 35 Liter (bzw. auch in 55, 65 und 75 Liter, die fallen aber einfach in eine ganz andere Rubrik als ihre zwei kleinen Geschwister, weil sie für mich eher Trecking-Rucksäcke sind), ich habe aber auch einen 30er von Deuter und da war mir ein 5 Liter Abstand zu gering. Ich wollte einen Rucksack, der deutlich größer ist als der 30er, aber Luft zu meinem 75er Kajka lässt. Und die Lücke füllt er so gut und mit so viel Komfort, dass ich ihn wie schon geschrieben, oft nur halbvoll auf Tagestouren mitnehme, einfach weil er sich so gut trägt. Dafür bleibt der kleinere und leichte Daypack dann zuhause.

Kaufempfehlung? Jepp. Guckt halt, dass ihr ihn irgendwo unter UVP findet, aber das sollte eigentlich kein großes Thema sein.